Jahrzehntelang galt die Natur in der Finanzwelt als selbstverständliche Kulisse: immer da, gratis nutzbar, in keiner Bilanz verbucht. Diese Sichtweise gerät ins Wanken. Bestäubung, sauberes Wasser, fruchtbare Böden, stabile Küsten, sie alle sind die unsichtbare Infrastruktur, auf der Wertschöpfung ruht. Schwindet sie, wird aus einem ökologischen Problem ein finanzielles. Genau deshalb rückt Naturkapital, der ökonomische Wert intakter Ökosysteme, in den Fokus von Investoren und entwickelt sich zum nächsten großen Thema neben dem Klima. Dieser Beitrag zeigt, warum biologische Vielfalt zur Anlagefrage wird und welche Chancen daraus entstehen.
Vom Hintergrundrauschen zum Bilanzrisiko
Das Ausmaß des Verlusts ist gut belegt. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hielt in seinem globalen Bericht von 2019 fest, dass rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind, viele davon innerhalb weniger Jahrzehnte. Es ist der umfassendste Zustandsbericht zur Natur, den es bislang gibt, getragen von Hunderten Wissenschaftlern aus Dutzenden Ländern. Die Kernaussage reicht weit über den Artenschutz hinaus: Wer die Natur erodieren lässt, untergräbt die Grundlagen des Wirtschaftens selbst.
So formulierte es auch Sir Robert Watson, der den IPBES-Bericht als Vorsitzender verantwortete:
„The health of ecosystems on which we, and all other species, depend is deteriorating more rapidly than ever. We are eroding the very foundations of our economies, livelihoods, food security, health and quality of life worldwide."
(ipbes.net)
Die Botschaft verschiebt die Debatte: Naturverlust ist nicht länger nur ein ethisches oder ökologisches Anliegen, sondern ein ökonomisches Risiko mit messbaren Folgen für Erträge, Lieferketten und Vermögenswerte.
Warum die Wirtschaft an der Natur hängt

Wie groß die Abhängigkeit tatsächlich ist, machte das Weltwirtschaftsforum 2020 in seinem Bericht „Nature Risk Rising" deutlich. Demnach sind rund 44 Billionen US-Dollar an wirtschaftlicher Wertschöpfung, mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts, mäßig oder stark von der Natur und ihren Leistungen abhängig. Bau, Landwirtschaft sowie Lebensmittel und Getränke führen die Liste der naturabhängigsten Branchen an. Diese Abhängigkeit ist kein Randthema einzelner Sektoren, sondern ein systemisches Merkmal moderner Volkswirtschaften.
Den ökonomischen Kern hat kaum jemand schärfer auf den Punkt gebracht als Sir Partha Dasgupta. Sein 2021 im Auftrag des britischen Finanzministeriums veröffentlichter Bericht „The Economics of Biodiversity" gilt als Meilenstein, als das ökonomische Gegenstück zum Stern-Report über den Klimawandel:
„Our economies are embedded within Nature, not external to it."
(gov.uk)
Dasguptas These hat Konsequenzen für die Bewertung: Wenn die Wirtschaft Teil der Natur ist und nicht außerhalb von ihr steht, dann ist ein Bestand an Naturkapital kein kostenloser Hintergrund, sondern ein produktiver Vermögenswert, dessen Abschreibung in keiner herkömmlichen Bilanz auftaucht. Solange dieser Wert unsichtbar bleibt, allokiert der Markt das Kapital systematisch falsch.
Ökosystemleistungen: der unterschätzte Vermögenswert

Konkret wird Naturkapital in den sogenannten Ökosystemleistungen. Etwa drei von vier Nahrungspflanzen weltweit sind zumindest teilweise auf tierische Bestäubung angewiesen; fällt sie aus, geraten ganze Ernten und Wertschöpfungsketten ins Wanken. Ähnlich verhält es sich mit Mooren und Wäldern, die Kohlenstoff speichern, mit Feuchtgebieten, die Hochwasser puffern, und mit gesunden Böden, die Erträge sichern. Diese Leistungen sind ökonomisch hoch relevant und werden dennoch selten bepreist.
Wo ein Wert nicht in den Büchern steht, fehlt er auch in den Entscheidungen. Mark Gough, Geschäftsführer der Capitals Coalition, plädiert seit Jahren dafür, Naturkapital so ernst zu nehmen wie Finanzkapital:
„Including the value of a stable climate, healthy ecosystems and thriving communities, is as important as including the financials."
(capitalscoalition.org)
Der Gedanke ist nicht romantisch, sondern bilanzlogisch: Wer die Abnutzung von Naturkapital nicht erfasst, überschätzt seine Rendite, ähnlich einem Unternehmen, das den Verschleiß seiner Maschinen ignoriert. Erst die Bewertung macht aus einem diffusen Risiko eine steuerbare Größe.
Vom Risiko zur Offenlegung: Naturkapital wird messbar
Was beim Klima die Offenlegung von CO₂-Risiken leistete, übernimmt für die Natur ein eigenes Rahmenwerk: die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD). Im September 2023 veröffentlichte sie ihre finalen Empfehlungen, mit denen Unternehmen und Finanzinstitute ihre Abhängigkeiten von und ihre Auswirkungen auf die Natur systematisch erfassen und berichten können. Damit erhält das Thema dieselbe methodische Strenge, die bei Klimarisiken längst Standard ist.
Den finanziellen Kern formulierte David Craig, Co-Vorsitzender der TNFD, unmissverständlich:
„Nature-risk is sitting in company cash flows and capital portfolios today. The costs of inaction are mounting quickly."
(tnfd.global)
Naturrisiko steckt also bereits heute in Zahlungsströmen und Portfolios, ob es ausgewiesen wird oder nicht. Für Investoren bedeutet das: Wer Naturrisiken nicht analysiert, fliegt blind. Die TNFD liefert die Sprache und Struktur, um diese Risiken sichtbar zu machen, vergleichbar zu berichten und in Bewertungsmodelle zu überführen.
Die Finanzierungslücke als Chance
Der Übergang zu einer naturpositiven Wirtschaft ist auch ein Investitionsfeld von erheblichem Volumen. Der von UNEP, Global Canopy und der ELD-Initiative herausgegebene Bericht „State of Finance for Nature 2023" beziffert die jährlichen Finanzflüsse in naturbasierte Lösungen auf rund 200 Milliarden US-Dollar. Zugleich fließen nahezu 7 Billionen US-Dollar pro Jahr in Aktivitäten, die der Natur direkt schaden. Diese Schieflage zu korrigieren, eröffnet eines der größten Investitionsfelder der kommenden Jahre.
Der politische Rahmen dafür steht: Auf der UN-Biodiversitätskonferenz COP15 in Montreal verabschiedete die Staatengemeinschaft Ende 2022 den Kunming-Montreal-Rahmen mit dem Ziel, bis 2030 ein Drittel der Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Inger Andersen, Exekutivdirektorin des UN-Umweltprogramms UNEP, ordnete das Ergebnis als Beginn ein:
„The Framework, and its associated package of targets, goals and financing represents but a first step in resetting our relationship with the natural world."
(news.un.org)
Für Kapitalmärkte ist ein solcher globaler Zielrahmen ein verlässliches Signal: Er lenkt Regulierung, Subventionen und private Investitionen über Jahre in dieselbe Richtung und schafft damit die Planungssicherheit, auf die langfristiges Kapital angewiesen ist.
Was das konkret bedeutet
Biodiversität wandert vom Nachhaltigkeitsbericht in die Risiko- und Bewertungsmodelle. Für Unternehmen wie für Investoren lässt sich das Thema dabei auf wenige, überprüfbare Schritte herunterbrechen. Der Anfang liegt darin, die eigenen Abhängigkeiten zu kartieren, also die Wertschöpfungskette daraufhin zu prüfen, wo sie auf Ökosystemleistungen wie Wasser, Bestäubung oder Bodenfruchtbarkeit angewiesen ist. Auf dieser Grundlage lassen sich naturbezogene Abhängigkeiten, Auswirkungen, Risiken und Chancen entlang des TNFD-Rahmens erfassen, analog zur etablierten Klimaberichterstattung. Damit aus diesen Erkenntnissen Steuerung wird, gehören physische und regulatorische Naturrisiken in die Bewertungs- und Kreditmodelle, statt als externer Faktor ausgeblendet zu werden.
Wer Kapital bewegt, kann die Finanzierungslücke zudem gezielt adressieren, von der Wiederherstellung über regenerative Landwirtschaft bis zu Wassertechnologien. Und wer als Investor auswählt, sollte belegbare Naturkennzahlen einfordern und prüfen, ob „naturpositive" Aussagen messbar hinterlegt sind oder bloßes Marketing bleiben. Genau an dieser Schnittstelle von Wirkung und Risiko setzt die DN Group AG an. Naturkapital ist aus dieser Perspektive keine nachgelagerte Berichtspflicht, sondern Teil der Investitionsanalyse: Jede Beteiligung durchläuft einen strukturierten Impact-Prozess, der den Beitrag zu konkreten ökologischen und sozialen Zielen prüft und messbar macht. Wer biologische Vielfalt als das begreift, was sie ökonomisch ist, nämlich ein produktiver Vermögenswert mit realem Risiko, behandelt sie nicht als Kostenfaktor, sondern als Grundlage tragfähiger Renditen. Darin liegt der eigentliche Wandel: vom blinden Fleck der Bilanz zum bewusst gesteuerten Teil jeder Investitionsentscheidung.